Armer Hund

Struppi war ein Pudel-Colli-Mischlingsrüde. Er verbrachte die ersten elf Monate seines Lebens mit sechs weiteren Hunden in einem nur knapp 12 Quadratmeter grossem Zwinger. Durch die dort vorherrschende Enge zum einen und wegen des täglichen Kampfes um das spärliche Futter zum Anderen, hatte Struppi, wie auch alle anderen Hunde, zahlreiche Bisswunden. Da diese natürlich nicht versorgt wurden und der Zwinger so gut wie nie gereinigt wurde, entzündeten sie sich und die Hunde waren allesamt agressiv und fiebrig. Eines Tages wurde der Tierschutzverein auf diesen gewissenlosen Hundhalter aufmerksam und die Tiere wurden mit polizeilicher Unterstützung in ein Tierheim gebracht, wo ihr Fieber behandelt und ihre Wunden versorgt wurden. Der Hundehalter bekam eine Geldstrafe von fünfhundert Euro und hat bestimmt schon die nächsten Hunde. Struppi war nicht nur der jüngste Hund aus dem Rudel sondern auch der schwächste. So lag Struppi meist in einer Ecke des Tierheimzwingers und bemitleidete sich um sein erbärmliches Leben. So zeigte Struppi auch an jenem Tag, als Melanie Wagner das Tierheim betrat, auf der Suche nach einem vierbeinigen Freund, keinerlei Regung. “Schon wieder so eine, die hier Fleischbeschau hält” dachte sich Struppi, als Melanie vor seinem Zwinger stand und drehte sich demonstrativ zur Seite. “Die sollen doch in den Zoo gehen, wenn sie Tiere begaffen wollen und uns in Ruhe lassen”, dachte Struppi weiter und schnaubte abfällig durch die Nase, während alle anderen Hunde des Tierheims wild bellend an die Gitter rannten und darum bettelten, das sie doch sie mitnehmen solle. Doch es war ausgerechnet Struppi, der es Melanie angetan hatte. “Was ist denn mit dem los?” fragte sie die Tierpflegerin, “Der sieht so traurig aus.” Die Pflegerin erzählte ihr Struppis Lebensgeschichte und Melanie traten bei der Erzählung die Tränen in die Augen. “Brauchst hier nicht rum zu flennen, schliesslich seid es ihr Menschen, die schuld daran sind, dass es uns so dreckig geht und wir hier in Betonzwingern eingesperrt werden” dachte Struppi abfällig und verkroch sich in seine Hütte. Er war diese täglichen “Mitleidsbesuche” von “Sensationstouristen”, wie er es nannte, einfach leid. “Franz, mein Mann, arbeitet für eine Sicherheitsfirma, die Alarmsysteme für Firmen konzipiert und einbaut”, sagte Melanie, als sie sich wieder etwas gefangen hatte, “er arbeitet 14 Stunden am Tag und mehr und wenn die fertigen Systeme dann eingebaut werden, dann ist er oft Tage lang unterwegs. Aus diesem Grund bin ich sehr viel allein und suche daher einen treuen Vierbeiner, der mit mir zusammen auf Franz wartet. Ich möchte gerne Struppi haben. Ich denke er hat ein liebevolles Zuhause verdient.” Jetzt traten ein paar Tränen der Rührung in die Augen der Tierpflegerin, denn für das Tierheim war dieser zurückhaltende Hund ein absoluter Problemfall, der bestimmt nicht vermittelbar war. Und jetzt kam Melanie und wollte ausgerechnet diesem Hund ein neues Zuhause geben. Die Tierpflegerin schluckte nur kurz und gab Melanie wortlos einen Wink mit der Hand, mit dem sie ihr andeutete ihr ins Büro zu folgen, um die “Adoptionspapiere” fertig zu machen. Als alles unterschrieben und die Schutzgebühr bezahlt war, gingen sie gemeinsam zu Struppis Zwinger, legten ihm ein Halsband und die Leine an und Melanie verliess das Tierheim in der Begleitung von diesem Hund. “Na klasse”, dachte sich Struppi, “150 Hunde hat es in diesem Knast und ausgerechnet mich erwischt es. Beiss ich denn immer nur in die Scheisse? Jetzt geht das ganze Drama also wieder von vorne los.” Unwillig stieg Struppi in Melanies Kombi ein. Die ganze Fahrt über gab er keinen Ton von sich und malte sich schon aus, in was für einem Zwinger und mit wievielen anderen Hunden er wohl jetzt sein Dasein fristen müsse. Am Ziel angekommen musste Melanie ihren Hund förmlich aus dem Auto zerren. Struppi wollte einfach nicht wieder in so einen winzigen Zwinger, doch es half nichts und er gab dem Unvermeidlichem schliesslich nach. “Na prima”, dachte Struppi, als sie das Haus betraten, “noch schlimmer als befürchtet, ein Steinzwinger ohne Auslauf”. Im Flur zog Melanie erst mal ihre Schuhe und den Mantel aus, bevor sie dann ins Wohnzimmer gingen. “Ach so, das ist ein Menschenzwinger! Und wo muss ich dann hin?” Eigentlich wollte er es ja gar nicht wissen. Er würde es noch früh genug erfahren. “Tut mir leid Struppi, du warst irgendwie so eine Spontanentscheidung und so habe ich gar kein Körbchen für Dich.” “Aha! Spontanentscheidung. Körbchen! Pah! Nette Bezeichnung für einen Maulkorb! Na, da kann ich mich ja noch auf was freuen. Gibt es hier auch soetwas wie einen Fluchtweg?” Melanie konnte Struppis Gedanken nicht lesen und überlegte unterdessen, wo der arme denn nun seinen Platz haben könnte. “Weisst Du was?”, meinte sie schliesslich, “es ist ja nicht deine Schuld, dass ich mich nicht vorbereitet habe. Du darfst dir dein Plätzchen auf der Couch machen.” “Ist jetzt nicht dein Ernst oder? Verscheissern kann ich mich selbst. Das hier ist ein Menschenzwinger und ein Menschenplatz. Wenn ich mich als Hund dem zu sehr annäher dann gibt es Prügel, das kenne ich schon!” Aber Melanie hatte bereits eine Wolldecke über die Couch geworfen und schlug nun mit der flachen Hand auf die Sitzfläche. “Na komm schon! Da darfst du dich drauflegen.” Struppi legte den Kopf schief und betrachtete die Couch. Sah ja wirklich gemütlich aus und gegen ein kleines Nickerchen auf so einem komfortablen Ding wäre wirklich nichts einzuwenden, aber was ist, wenn der Alte heim kommt und das sieht? Dann gibt es bestimmt wieder Dresche, die noch Wochen später schmerzt. Struppis Vorsicht gebot es ihm dann schliesslich, diesem verlockenden Angebot nicht nach zu kommen und sich lieber unter dem Couchtisch zusammen zu rollen. “Wie du willst. Du kannst Dir das ja noch überlegen. Ich sehe mal nach ob ich für dich etwas zu fressen finde”, sagte sie und verschwand in der Küche. “Jaja, fressen!” dachte sich Struppi mit einem leichten, kaum hörbaren Winseln, “jetzt gibt es wieder so eine vergammelte Billigdose, 50% billiger, weil vor einem Jahr abgelaufen. Vorbei ist es mit dem guten Trockenfutter aus dem Tierheim!” In diesem Moment kam Melanie auch schon zurück. Sie hielt ein Plastikschälchen, in dem einmal frische Erdbeeren abgepackt waren, in der Hand. “Hier, das ist für dich. Ist gestern übrig gebieben” “Hm, vergammelte Reste hin oder her, ich hab Kohldampf und da fresse ich alles!” und so stürzte er sich auf das Fressen, bevor von irgendwoher ein anderer Hund kommen und ihn wegbeissen könnte. “Hey, das war mit Abstand die beste Dose in meinem ganzen Leben!” dachte er und Melanie hatte das Gefühl ein Lächeln in Struppis Gesicht sehen zu können, bevor er sich wieder unter dem Couchtisch zusammen rollte. Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, als er plötzlich durch das Zufallen der Haustür geweckt wurde. “Auweia! Der Alte kommt! Jetzt setzt es Hiebe!” Flink rannte er zur Terrassentür und prallte gegen die Glasscheibe. “Mist! Abgeschlossen und kein Fluchtweg weit und breit!” Melanie hatte ihrem Mann unterdessen von Struppi und seinem Schicksal berichtet und so trat Franz neugierig ins Wohnzimmer ein, um das neue Familienmitglied zu betrachten. Struppi hatte sich in der Zwischenzeit zitternd in die entfernteste Ecke verdrückt und erwartete nun seine Tracht Prügel. “Der arme Kerl ist ja ganz verängstigt”, sagte er und ging langsam und in gebückter Haltung, die rechte Hand nach vorne gestreckt, auf Struppi zu. “Der braucht auf jeden Fall erst einmal seinen Platz! Er kann meinen Sessel haben, ich bin ohnedies meistens im Arbeitszimmer.” Bestimmte Franz, doch Melanie schüttelte nur mit dem Kopf. “Ich hab ihm schon eine Decke auf die Couch gelegt und sie ihm wie sauer Bier angeboten, aber er will nicht.” Struppi verstand die Welt nicht mehr. Träumte er das jetzt alles bloss, oder verstand er die Sprache der Menschen auf einmal falsch, oder waren diese Menschen hier irgendwie falsch gepolt?” “Papelapap!” schnaubte Franz abfällig, “Decke! Was für ein Blödsinn. Die stinkt doch nach Weichspüler, der Hund muss uns riechen können! Komm her Struppi, darfst auf meinen Sessel. Da ist auch keine stinkige Decke drauf!” Zaghaft kam Struppi näher. “Ich glaub der meint das ernst”, dachte er. “Der sieht zwar aus wie ein Mensch, riecht auch so, aber der meint das trotzdem ernst!” Er war inzwischen bei Franz’ Füssen angekommen, noch immer in unterwürfig geduckter Haltung. Franz streckte langsam die Hand weiter aus und begann den Hund zu kraulen. “Ist schon verrückt”, dachte sich Struppi, “aber hier sind die Prügel ja richtig angenehm. Ja, so könnte ich den ganzen Tag lang verhauen werden.” Nach einer Weile stand Franz vorsichtig auf. “Ich muss noch ein paar Pläne fertig machen, du kannst dich ruhig auf meinen Sessel legen” Struppi begann zu überlegen. Der Sessel sah wirklich sehr einladend bequem aus und es würde ihm sicher gut darauf gefallen, wenn er aber sich auf diesen Menschenplatz legt, dann bedeutet dies gewiss Prügel. Genau! Ein Grund mehr! Mit einem Satz lag Struppi auf dem Sessel und Melanie guckte nur ganz ungläubig. Was hatte sie sich abgemüht ihn auf die Couch zu bringen, ohne Erfolg und jetzt dies. Struppi legte sich in voller Grösse quer auf den Sessel, die Pfoten nach oben gestreckt. “Los, schlag mich, ich liege auf deinem Sessel, du musst mich wieder verhauen, so wie eben!” Franz schmunzelte und kraulte Struppi den Bauch. “Na also, klappt doch! Hör bloss nicht auf mich zu verhauen. Ich mag das!” Lächelnd drehte er sich um und ging zu seinem Arbeitszimmer. “Ich mag den Kleinen”, sagte er, als er sich noch einmal kurz zu Melanie und dem Hund umdrehte, “hast du gut gemacht! Den und keinen anderen!” Dann verschwand er in seinem Arbeitszimmer.
Das nun folgende halbe Jahr war das Paradies auf Erden für den kleinen Hund. Gassi gehen, im Wald herumtoben, die guten Dosen jeden Tag und Montags sogar die Reste von den “Menschendosen”, die am Wochenende übrig geblieben waren. Ja und nicht zu vergessen die “Schläge”, die er jeden Abend von Herrchen bekam. Immer wenn er die Tür hörte, dann eilte er schnell auf seinen Sessel, damit er auch ja wieder so angenehm “verhauen” würde. Doch dann eines Tages geschah das unfassbare. Frauchen, die schwer Herzkrank war, bekam wieder einmal einen Anfall. Diesmal war der Anfall recht heftig und in Todesangst hangelte sie sich zu dem Medikamentenschrank und tastete nach ihren Herztabletten. Panisch schluckte sie drei von ihren vermeintlichen Herztabletten, aber in der Hast hatte sie die Coffeintabletten von Franz erwischt, die er sich ab und zu einwarf um munter zu bleiben, wenn er mal wieder nächtelang an einem Projekt arbeitete. Als Franz kurze Zeit später nach Hause kam, fiel ihm auf, das Struppi nicht, wie üblich, auf dem Sessel lag und auf seine “Prügel” wartete, sondern aufgeregt bellend abwechselnd zu ihm und dann ins Badezimmer lief. Dort fand er dann Melanie regungslos auf dem Boden liegend. Sofort verständigte er den Notarzt und Melanie wurde ins Krankenhaus gebracht.
“Sie liegt im Koma und, ich will ehrlich zu ihnen sein, die Chance, dass sie aus diesem Koma jemals wieder erwachen wird liegt bei Eins zu Hunderttausend”, sagte der Chefarzt, nach unendlich scheinender Wartezeit. Franz sank auf dem Stuhl in dem Warteraum zusammen. Er sass wohl mehrere Stunden einfach nur so da und starrte leer in die Luft. Alles wofür er gearbeitet hatte, war jetzt sinnlos geworden. Was soll das jetzt ohne Melanie noch alles für einen Sinn ergeben? “Gehen sie doch nach Hause”, sagte eine Schwester mit warmer Stimme zu ihm, “sie können jetzt doch nichts für ihre Frau tun und zu Hause warten doch sicher ihre Kinder auf sie.” Kinder nicht, aber Struppi!, dachte sich Franz und erwachte aus seiner Melancholie. Mein Gott, Struppi! Was mag der arme Kerl wohl jetzt durchmachen? Er nickte der Schwester zustimmend zu und erhob sich. Zu Hause angekommen wurde er schon von ihrem Hund erwartet. Er hatte sich auf Frauchens Decke zusammengerollt und blickte ihn fragend an. “Sieht nicht gut aus, Struppi. Gar nicht gut.” Kraftlos sank er auf seinen Sessel und beschloss die nächsten Tage nicht zur Arbeit zu gehen. Dafür hatte er jetzt überhaupt keinen Kopf.
Er muss wohl auf dem Sessel schliesslich eingeschlafen sein, denn genau dort wachte er am nächsten Morgen auf, als es an der Tür läutete.