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Little Michael und der Weihnachtswahn
Es war kurz vor heilig Abend und das Schlechte-Laune-Verbot wurde im Teddydorf mal wieder auf eine harte Probe gestellt. “Wieso bin ich noch nicht vermittelt?”, “Es ist bereits kurz vor Weihnachten und ich bin immer noch hier” maulten die Teddys des Dorfes den Ältestenrat an und es drohte, sich zu einer regelrechten Protestkundgebung auszuweiten.
Zur Erklärung sei angemerkt, dass es das grösste Ereignis im Leben eines Teddybären ist, wenn er in die glücklich, leuchtenden Augen seiner neuen Teddymama bzw. seines neuen Teddypapas gucken kann, wenn er liebvoll übergeben wird. Wenn dieser Akt der Schenkung dann auch noch den Zauber von Weihnachten als Rahmen hat, ist es absolut perfekt. Sicher, auch als Geburtstags- oder sonst ein Geschenk ist es eine feine Sache, aber wenn ein Teddy ein Weihnachtsgeschenk sein darf, dann übertrifft das alles.
Jedes Jahr um diese Zeit musste der Ältestenrat mit Engelszungen auf die Teddys einreden und ihnen zu erklären versuchen, dass nicht alle Teddys an Weihnachten verschenkt werden können.
Das leuchtete den Teddybären zwar ein, was sie hingegen nicht einsahen, war, dass sie gegebenenfalls selber zu denjenigen gehören sollten, die an Weihnachten nicht verschenkt wurden und so gab es, wie jedes Jahr um diese Zeit, erbitterte Wettstreite, wer der bessere Teddy sei und es würdig war, dass er ein Weihnachtsgeschenk würde.
Dieses Jahr nun war der Wettstreit besonders heftig und der Ältestenrat erwog schon den Gedanken, das Los entscheiden zu lassen, um das Ausufern der Wettstreitigkeiten zu vermeiden. Die Mehrheit des Rates war jedoch gegen den Losentscheid, da die Teddys ja speziell wegen ihrer Eigenschaften als Geschenk ausgesucht wurden und nicht wegen eines Loses. Als der Ältestenrat in der hitzigsten Phase dieser Debatte war, tauchte schliesslich Little Michael auf. “Das hat uns gerade noch gefehlt”, seufzte der Dorfälteste, “Noch ein Kandidat, der ein Weihnachtsgeschenk werden will. – Geb dich bloss nicht falschen Hoffnungen hin. Solltest du aufgenommen werden, dann bist du der neue und somit der letzte in der Weihnachtsgeschenkreihenfolge. - Puh, was für ein Wort! – Da nutzt dir deine Weihnachtsmannverkleidung auch nichts!” Little Michael schnaubte resigniert, “Ich hätte nichts dagegen, mal ein Jahr hier im Dorf eine kleine Auszeit zu nehmen und mich zu erholen, aber ich bin ein Weihnachtsteddy und somit zwangsläufig die Nummer eins in der Reihenfolge”. Der Dorfälteste sah ihn fragend an, er hatte ja schon viele Teddys erlebt, aber ein Weihnachtsteddy? So einen Teddy gab es in keiner Teddychronik. “Ein bitte was? Ein Weihnachtsteddy? Wie auch immer; Weihnachtsteddy hin oder her; das erklärst du den anderen Teddys mal schön selber. Mal sehn, was die dazu sagen”.
Little Michael stimmte dem zu und so traf sich das ganze Dorf wieder einmal um einer neuen Geschichte zu lauschen.
“Ihr alle träumt davon, als der Höhepunkt des Weihnachtsfestes, unter dem Tannenbaum, in einer hübschen Geschenkverpackung zu liegen. Ihr malt euch schon aus, wie ihr in die leuchtenden und vor Rührung feuchten Augen schaut und gemeinsam mit eurer neuen Teddymama oder euerm neuen Teddypapa ein friedliches, harmonisches und glückliches Weihnachtsfest verlebt. Ich kann euch gut verstehen, ich bin ja nun auch schon annähernd ein Primbär und Weihnachten war stets der Höhepunkt des Jahres, so, wie ihr es aus eurer, leider etwas veralteten, Dorfbibliothek kennt.
Leider haben sich die Zeiten bei den Menschen gewandelt und der Mensch hat nun einmal die unangenehme Eigenschaft, dass er alles übertreiben und damit kaputt machen muss. Aus der besinnlichen Vorweihnachtszeit ist ein Geschenke-Einkauf-Marathon geworden und ein jeder hetzt wie von Sinnen durch die Geschäfte und versucht auf die Schnelle “irgendetwas” für seine Leute zu kaufen. Zeit für Gedanken bleibt keine mehr und die schönen Adventsabende, wie ihr sie aus den Büchern kennt, die gibt es nur noch in den Erzählungen der Grosseltern. Am Ende des Vorweihnachtsrummels steht dann endlich das Weihnachtsfest, zu dem die ganze Familie, völlig erschöpft, erscheint. Nun endlich ist der Stress vorrüber und jedem einzelnen wird bewusst, dass er wieder einmal die komplette Adventszeit mit Hetzerei verbracht hat, nur weil er dem B etwas besonderes schenken wollte und sich ja auch über 2 Minuten lang intensivste Gedanken gemacht hatte, nämlich in jenen 2 Minuten zwischen Parkticket ziehen und Auto abschliessen. Und was ist nun der Dank? Man bekommt im Gegenzug etwas, was man genauso wenig gebrauchen kann, wie der Beschenkte das ach so sorgfältig ausgewählte Präsent. Nun sind es nur noch wenige Minuten, bis der alljährliche, collektive Familienkrach ausbricht. Die Einrichtungshäuser haben sich auf dieses neuzeitige Weihnachtsphänomen eingestellt und stehen bereits kurz nach Weihnachten mit einer neuen Werbekampagne bereit.
Viele Menschen brauchen das scheinbar, man meint sogar, sie können sich ein Leben ohne die alljährliche Familien-Massenschlägerei an Weihnachten gar nicht mehr vorstellen. Teddyfreunde - das ist nicht schön und wenn man dann als Weihnachtsgeschenk dazwischen gerät, dann kann man nur hoffen, von einer tieffliegenden Kaffeekanne getroffen und durchnässt zu werden, ehe der brennende Weihnachtsbaum auf einen fällt. Die Menschen warten dann noch kurz ab, bis die Feuerwehr alles unter Kontrolle hat, ehe sie sich zum gemeinsamen Abendessen in der Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses treffen.
Es gibt aber zum Glück auch Menschen, die auf diese Art der Action-Weihnacht keinen Bock haben und zu jenen Menschen kommen wir Weihnachtsteddys. Genau genommen sind wir ja eigentlich gar keine Weihnachtsteddys, sondern Vorweihnachtsteddys und eine meiner Geschichten als Vorweihnachtsteddy möchte ich euch jetzt erzählen.
Es war der erste Advent, als Harry mich von seiner Nachbarin geschenkt bekam.
Harry, das sei vielleicht am Rande noch erwähnt, war seit einem knappen Jahr geschieden. Seine Frau hatte es ihm am letzten Weihnachtsfest übel genommen, dass seine Faust massgeblich daran beteilgt war, dass sein damaliger Schwiegervater die Einzelteile seines Gebisses verschluckt hatte. Die Entschuldigung, dass dies ein Reflex auf die Blumenvase war, die er zuvor an den Kopf geworfen bekam, liess weder seine Exfrau noch der Familienrichter gelten.
Nun sass Harry also alleine zu Hause und wollte gerade die erste Kerze an seinem Adventskranz, den er im Discounter um die Ecke erstanden hatte, anzünden, als seine Nachbarin an der Türe läutete. Als Harry öffnete, überreichte sie ihm ein kleines Päckchen, in dem ich verpackt war. “Eine schöne Adventszeit, wünsche ich ihnen”, sagte sie und drehte sich bereits wieder zum Gehen um, als sie Harry aufhielt. “Kommen sie doch noch einen Augenblick mit hinein”. Laura, seine Nachbarin, hatte nichts weiter vor und so stimmte sie zu.
Sie zündeten den Adventskranz an und Harry bereitete schnell noch zwei Tassen Instant-Kaffee, ehe er gespannt das Päckchen öffnete.
“Ich weiss”, sagte Laura schüchtern-verschämt, “ein Teddy ist nicht gerade das passende Geschenk für einen Mann, aber ich fand ihn so goldig in seinem Weihnachtsmann-Kostüm”. Harry lächelte zunächst mich, dann Laura an, “Volltreffer! Ich liebe Teddybären seit meiner Kindheit an und dieser hier ist wirklich besonders goldig in seiner Verkleidung”. Dann verfinsterte sich seine Mine etwas. “Auf der anderen Seite… Ich darf gar nicht daran denken, dass bald das ganze Theater von vorne los geht. Weihnachtsstress und dann die Verwandtenbesuche. Die Verwandtschaft hat sich zwar seit meiner Scheidung Gott sei Dank halbiert, aber es reicht gerade noch hin. Weihnachstmarathon quer durch Deutschland!” Laura nickte zustimmend, sie wusste genau was er meinte, ihr grauste es ja auch schon davor. “Haben sie schon gepackt?” Harry nickte, “Ja, sonst vergesse ich am Ende wieder die Hälfte. Da im Koffer ist schon alles fertig gepackt: Nahkampfausrüstung, Tränengas, Feuerlöscher, Erste-Hilfe-Kasten, Blutspendeausweis…” Laura musste lachen, auch wenn dies alles andere als komisch war. “Wo ist bloss die gute, alte Weihnachtszeit geblieben?”, seufzte sie. “Mit Plätzchenbacken und Adventskranz?”, fragte Harry leise und bekam wieder ein dezentes Leuchten in die Augen. “Genau, und mit Kaffee und Christstollen, schummriger Kerzenbeleuchtung und Weihnachtsliedern und ein rührseliger Weihnachtsfilm im Fernsehen”, träumte Laura mit offenen Augen weiter. “Warum kann es das heut zu tage nicht mehr geben?”, fragte Harry, fast ärgerlich. “Weil ihr es nicht zu lasst”, habe ich schliesslich geantwortet und die beiden sahen mich an, als ob Rambo als Terminator in der Wohnungstüre stehen würde.
Wie es Little Michael am Ende doch noch schafft, Laura und Harry ein harmonisches Weihnachten zu bescheren, ist im nächsten Teddybuch nachzulesen

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