Keine Zeit für Traurigkeit

 

 

Der am Dorfeingangstor wachhabende Teddy hatte wohl etwas sehr geistesabwesend vor sich hingeträumt, jedenfalls dauerte es eine ganze Weile, ehe er realisiert hatte, dass da gerade ein kleiner Teddy zwischen seinen Beinen hindurch ins Teddydorf gehuscht war. Als er es endlich begriffen hatte und dem kleinen Teddy nacheilte, war dieser schon im Spielzimmer des Jungbärengartens verschwunden und spielte, gemeinsam mit anderen Jungbären, vergnügt mit der kleinen Holzeisenbahn. Sofort packte ihn der wachhabende Teddy am Kragen und schleifte ihn vor den Ältestenrat. Der Ältestenrat war nicht mehr überrascht, über den jungen Prim-Bären; dass diese Bären noch in der Wachstumsphase das Dorf verlassen mussten, weil damals Krieg herrschte, das wussten sie ja, seit Embry bei ihnen war, aber gerade diese jungen Primbären, die in ihrer frühesten Jugend so schwere Zeiten durchmachen mussten, waren sehr ernste Bären und nicht so verspielt, wie dieser hier. „Du hast ja ganz schön üble Narben auf dem Kopf und um die Augen, äh...“ „Jacob!“, half der kleine Teddy dem Dorfältesten, „ja, gut, äh, Jacob. Du scheinst in deinem Leben einiges mitgemacht zu haben, auf der anderen Seite bist du absolut verspielt und übertrieben fröhlich. Irgendwie passt das nicht so ganz zusammen.“ Jacob legte den Kopf schief und sah den Dorfältesten an. So ein alter, weiser Teddy und er versteht es nicht? Wenn ein Mensch das nicht verstehen kann, OK, aber ein weiser Teddy? „Entschuldigung“, fragte Jacob mit einem spitzbübischen Grinsen auf dem Gesicht den Dorfältesten, „bin ich hier etwa nicht in dem Teddydorf, in dem schlechte Laune per Teddygesetz verboten wurde?“ „Doch, das schon“, antwortete diese zaghaft und mit einem sehr nachdenklichen Tonfall, „aber schlechte Laune ist eine Sache, übertriebene Fröhlichkeit und Verspieltheit, eine andere, insbesondere dann, wenn jemand eigentlich gar keinen Grund dafür hat.“ „Aber ich hab doch einen Grund für meine Fröhlichkeit“, lachte Jacob, während er aus dem Dienstplan des Ältestenrates einen Papierflieger bastelte und quer durch den Raum fliegen ließ, „der Grund ist ganz einfach: Ich habe keinen Grund für schlechte Laune!“ Ein weiteres Dokument des Rates wurde in einen Flieger umgebaut und schwebte nun durch den Raum, zur größten Belustigung von Jacob. „Hör auf mit dem Unsinn!“, flaumte ihn der Dorfälteste an. „Okay!“, entgegnete Jacob und faltete flugs ein  Papierschiffchen, „bastele ich eben Bootchen, die Frage ist nur, wo ich die hier schwimmen lassen kann.“ Der Dorfälteste musste die Lippen zusammen kneifen um nicht aus der Fassung zu geraten, „Das meine ich nicht, das heisst, das natürlich auch, aber ich meine deine Wortklaubereien! In Ordnung, wir bleiben gaaaaanz ruhig und du erklärst uns das vielleicht mal an Hand deiner Geschichte.“ „Ist Recht“, erwiderte Jacob, nachdem er in dem Aquarium das optimale Gewässer für sein Papierschiffchen gefunden hatte und nun aus den Fransen des Teppichs Zöpfe flocht, „ Es war im Jahre 43 der Teddyzeitrechnung als Maria die Mitteilung erhielt, dass ihr als vermisst geltender Verlobter im Krieg gefallen war. Für Maria brach nicht nur eine Welt zusammen, es war, als wenn sie seit diesem Augenblick an selbst aufgehört hatte zu leben. Sie war von diesem Tage an nur noch traurig und depressiv. Die Monate vergingen, doch die Zeit vermochte nicht die Wunden zu heilen.

Es wurde Herbst und es wurde Winter; die Tage waren kurz und die Adventsabende lang und Marias Depressionen wurden zusehends schlimmer. Die Menschen in der Nachbarschaft genossen die Adventszeit, bastelten Weihnachtsdekoration, backten Plätzchen, freuten sich auf Heilig Abend und distanzierten sich natürlich von Menschen wie Maria, denn wer konnte in dieser herrlichen Vorweihnachtsstimmung schon so einen negativen Menschen wie Maria gebrauchen? So jemanden brauchte eigentlich niemand, so jemand der zieht einen ja mit runter und so hatte Maria auch keinerlei Freunde mehr. Keine? Nicht ganz; eine Freundin war ihr noch geblieben, eine Freundin, die auch jetzt noch zu ihr stand und der es nicht verborgen blieb, dass sie zunehmend depressiver wurde. Helene, machte sich ernsthafte Sorgen um ihre Freundin, denn sie befürchtete, dass sich ihre Depressionen zu einer Suizidgefährdung ausweiten könnten. Sie hatte alles versucht, um sie wieder aufzumuntern, damit sie wieder Lebensfreude bekommen sollte, doch alle Versuche waren bis dato gescheitert. Nun stand Nicolaus vor der Tür und jeder bekam an diesem Tag etwas in seinen Stiefel. Nicht auszudenken, was es für Marias Depressionen bedeuten würde, wenn sie an diesem Tage nichts bekommen würde. Helene überlegte verzweifelt, was sie ihrer Freundin in den Stiefel packen sollte, denn zum Einen, war es in ihrem Fall wirklich sehr schwer, etwas zu finden, was ihr wenigstens ein klein wenig Freude bereiten könnte und zum Anderen waren die Zeiten schlecht und es gab so gut wie nichts zu kaufen. Kurz vor dem 6. Dezember fiel ich ihr dann in die Arme, als sie den Dachboden aufräumte. Ich war zwar damals schon ein etwas abgewetzter Teddy aber ich war wenigstens ein Teddy und ich war genau das, was sie sich vorstellte. Ich könnte es vielleicht schaffen, diesem hoffnungslosen Fall doch noch ein Lächeln zu entlocken und sei es nur ein ganz kurzes und flüchtiges Lächeln.

Am Nicolaustag war es dann soweit; ich landete in ihrem Stiefel und mein breites Grinsen in meinem Gesicht entlockte ihr tatsächlich ein ganz kurzes Lächeln, ehe sie in ihre Traurigkeit zurück verfiel. Helene versuchte alles Mögliche, sie doch noch wieder aufzuheitern, aber sämtliche Versuche schlugen fehl.  Als sie sich dann gegen Abend auf den Heimweg zu ihrer Familie machte, war ich mit Maria alleine. „Warum lächelst du nicht noch einmal?“, habe ich sie gefragt. „Warum sollte ich?“, antwortete sie mir, „ich habe doch absolut keinen Grund zum Lächeln.“ Auch wenn es in der Natur der Teddybären liegt, dass wir die genauen Hintergründe sehr wohl kennen, habe ich dennoch auf dumm nachgefragt. „Wieso sollte ein junges Mädchen wie du keinen Grund zum Lächeln haben?“ Sie setzte mich auf den Couchtisch und sich davor und erzählte mir von ihrem Verlobten, wie er in den Krieg eingezogen wurde, dass er dann als vermisst galt und sie später dann die Mitteilung erhalten hatte, dass er gefallen war. „Was hat er denn an dir besonders geliebt? Dein Geld kann es ja wohl nicht gewesen sein, denn wenn ich mich hier so umsehe, bist du alles andere als vermögend“, habe ich dann weiter gefragt, obwohl ich die Antwort natürlich schon kannte, aber ich wollte sie eben noch einmal von ihr hören. „Mein Lächeln“, antwortete sie, „er sagte immer, wenn ich lächeln würde, dann würden meine Augen schöner glitzern als alle Sterne am Himmelszelt zusammen“. Ich hab dazu eine Weile geschwiegen, ich wollte, dass sie über ihre eigene Antwort ein wenig nachdenken sollte. Dann sagte ich, „ja meinst du denn, es würde ihm gefallen, dich nun so traurig zu sehen? Wie soll er seinen Frieden finden, wenn du ihm dieses Glitzern in deinen Augen verweigerst? Sicher, sein Körper ist tot, aber sein Geist wird sicher keine Ruhe finden, wenn er dich so sieht.“ Statt eines Lächelns, welches ihre Augen glitzern lassen konnte, kam eine Träne aus ihren Augen, „mag sein, dass du Recht hast, aber ich kann nicht. Stephan ist tot und ich bin traurig darüber; da kann ich nicht Lächeln“. Ich hab dann eine Weihnachtsserviette aus dem Stiefel, in dem ich war, herausgezogen, damit sie ihre Träne abwischen konnte. „Verstehe ich, aber schau, du bist nun schon seit sieben Monaten traurig, hast seit dem nicht einmal gelächelt, von dem flüchtigen Lächeln vorhin mal abgesehen. Was hast du damit für dich erreicht? Du hast nicht nur deinen Verlobten verloren, du hast obendrein noch deine Freunde verloren und du hast dein eigenes Leben verloren. Deinen Stephan hast du deswegen aber nicht wieder bekommen und so leid es mir tut, du wirst ihn auch nicht wieder bekommen, selbst wenn du noch Jahre trauerst. OK, um deine Freunde ist es nicht schade, wenn sie dich in dieser Zeit fallen lassen, dann waren es auch keine Freunde, aber um dich ist es schade und um Helena ist es schade, die nach wie vor zu dir steht und so gerne ihre „alte Freundin“ wieder hätte. Ja und um Stephan ist es schade, denn auch er würde sicher gerne wieder das Glitzern in deinen Augen sehen. Ich behaupte ja nicht, dass es leicht ist, aber versuche doch einfach mal, dich auf das Positive im Leben zu konzentrieren. Denke über erfreuliche Dinge nach und wenn dir etwas Trauriges in den Sinn kommt, versuche es so schnell wie nur irgend möglich weg zu schieben. Meinst du, du schaffst das?“ Sie sah mich stumm an und dachte nach, „ich weiss es nicht“, sagte sie schließlich, „aber ich denken, dass du Recht hast und ich werde es auf jeden Fall versuchen“ und ich sah in ihrem Gesicht ein zaghaftes Lächeln und in ihren Augen schien etwas zu glitzern.

Natürlich verfiel sie auch in den folgenden Wochen immer wieder in Traurigkeit, aber die Abstände wurden immer größer und es genügte meist wenn ich ein mahnendes „M – A – R – I – A“ aussprach. Inzwischen ist sie wieder ganz die Alte ja besser noch, sie hat so viele schöne und erfreuliche Dinge gefunden, dass sie überhaupt keine Zeit mehr für Traurigkeit hat.

Soweit meine Geschichte und da ich gehört habe, dass in diesem Teddydorf schlechte Laune per Teddygesetz verboten worden ist, habe ich gedacht, dass ich hier genau richtig bin.“

„Richtig gedacht“, sagte der Dorfälteste Teddy, „aber leg trotzdem den Filzschreiber jetzt aus der Hand. Dem Bild von meinem Großvater wird kein Schnurrbart angemalt!“