Der “Glücksbär” Kenny

“Verflixt”, rief Patrizia aus, und klappte ihren Kalender zu, “die Zeit ist ja mal wieder gerast! Morgen schon soll der Geburtstag sein?” Jetzt war guter Rat teuer, denn der Geburtstag ihrer Freundin war tatsächlich schon am nächsten Tag und sie hatte noch kein Geschenk besorgt. Keine Frage, es musste mal wieder das Nähkästchen ran und da sie bislang immer grossen Erfolg hatte, wenn sie einen selbstgenähten Teddybären verschenkte, warum nicht auch jetzt. “Mal überlegen”, brummelte sie zu sich selbst, “man pflegt “Herzlichen Glückwunsch” zu sagen, wenn man jemandem zum Geburtstag gratuliert. Man wünscht ihm also Glück und wenn man jemanden wirklich mag, dann ist das keine dahergeleierte Floskel, sondern man hofft wirklich, dass sie/er im neuen Lebensjahr recht viel Glück haben wird.” Damit waren schon mal drei Dinge festgelegt: Glück- der Bär bekommt ein 4-blättriges Kleeblatt um, die Hoffnung, dass es mit dem Glück auch klappt- grün ist die Hoffnung und drittens ein Teddy sollte es wieder einmal werden. Also machte sich Patrizia daran, die ganze Nacht hindurch einen grünen Teddybären mit einem 4-blättrigen Kleeblatt um den Hals zu nähen.
Es war bereits am frühen Morgen, als Patrizia ihr Werk vollendet hatte und dem “Kenny” tief in seine schwarzen Glasaugen sah. “Du wirst meiner lieben Freundin ab heute Glück bringen” sagte sie zu ihm und Kenny lächelte ihr ein “Kannst dich drauf verlassen “ zu.

Wie erwartet, war auch Kenny wieder von heftigem Beifall begleitet, nicht nur von der beschenkten Freundin und Patrizia strahlte, weil ihr Geschenk wieder einmal ein freudiges Lächeln verursachte.
Am nächsten Morgen nahm die Freundin den kleinen Kenny von ihrem Geburtstagstisch und sah ihn sich noch einmal genau an. “Ich habe ja schon die tollsten Geschichten von Pattys Wunderbären gehört”, sagte sie zu ihm, “nicht etwa dass ich an so einen Humbuk glaube, aber wenn du wirklich ein Glücksbär bist... Na mal sehen! Wir zwei fahren jetzt zusammen in den Lottoladen und dann werden wir ja sehen, ob du wirklich Glück bringst!” Kenny sah sie fassungslos an. “Glaubst du wirklich, dass Glück gleichbedeutend mit Reichtum ist?”, fragte er sie schliesslich mit einem traurigen Ton in der Stimme, denn offensichtlich wusste die Freundin nicht so recht, was man unter dem wahren Glück versteht. “Nicht nur, aber so ein Milliönchen kann doch nicht schaden, oder?”, gab sie etwas zögerlich zu bedenken. “Die Menschen”, dachte Kenny, “so sind sie eben. Bei Glück denken sie automatisch nur an Geld.” Dann fiel ihm plötzlich das Gespräch mit dem alten Ludwig wieder ein, jenen alten Teddybären, den er vor seiner Abreise bei Patty kennengelernt hatte. Er berichtete ihm von einem Ignoranten, der auch nur auf Schönheitsideale achtete und wahre Werte dabei völlig übersah. Anstatt ihn hierfür jedoch zu verurteilen, zeigte ihm der alte Ludwig, wie sehr er doch auf dem falschen Pfad wandelte und der Ignorant hatte ein Einsehen und dankte dem alten Ludwig dafür, dass er ihm die Augen geöffnet hatte. Auch das sind Aufgaben, die ein Teddybär zu erledigen hat und so beschloss Kenny seiner neuen Mama das wahre Glück zu erklären. Natürlich ging es jetzt trotzdem in den Lottoladen, bzw. es sollte dorthingehen. Kurz vor der Bushaltestelle brach seiner neuen Mama der Absatz ab und sie musste die Schuhe wechseln. Als sie erneut an der Bushaltestelle ankamen, war es allerdings zu spät und der Bus fuhr ihnen direkt vor der Nase weg. Also gingen sie zurück und wollten das Auto nehmen, doch die Batterie versagte ihren Dienst. “Du willst ein Glücksbär sein?”, fauchte sie ihn an. “Ein Unglücksbär bist du. Was hat Patty denn da zusammengenäht? Seit du dabei bist läuft alles schief! Du bringst wirklich kein Glück, ganz im Gegenteil.”


War der vermeintliche Glücksbär am Ende tatsächlich ein “Unglücksbär”? Die Antwort auf diese Frage finden sie im Buch “Geschichten aus dem Teddydorf”.